Elvid Srebric

Beruf und KI · 02 Der erste Abend

Du musst nichts verstehen, um anzufangen.

Drei Übungen für deinen ersten Abend mit einer KI. Kostenlos, ohne Programmieren, mit Themen aus deinem eigenen Leben.

Lesezeit etwa 4 Minuten

Die meisten fangen gar nicht erst an, weil sie glauben, sie müssten vorher etwas verstehen. Wie KI funktioniert. Welches Programm das beste ist. Was ein Prompt ist. Das musst du nicht. Du musst auch kein Auto verstehen, um fahren zu lernen.

Was du brauchst: ein Handy oder einen Laptop, ein kostenloses Konto bei einem der bekannten KI-Assistenten und eine halbe Stunde, in der dich niemand stört. Das war es.

Fang mit deinem Leben an, nicht mit der Technik

Der häufigste Fehler am ersten Abend: Man stellt der KI eine Testfrage, bekommt eine glatte Antwort, denkt „aha“ und macht das Fenster wieder zu. Es bleibt nichts hängen, weil es nichts mit dir zu tun hatte.

Nimm stattdessen etwas, das dich gerade beschäftigt. Ein Brief vom Amt, den du nicht verstehst. Eine Mail, die du seit Tagen vor dir herschiebst. Ein Begriff, der in jeder Besprechung fällt und den du nie nachgefragt hast. Je echter das Thema, desto mehr lernst du über das Werkzeug.

Drei Übungen für den ersten Abend

1. Lass dir etwas erklären. Such dir etwas, das du nie richtig verstanden hast: deine Gehaltsabrechnung, einen Fachbegriff aus deinem Job, wie eine Rente berechnet wird. Schreib dazu: „Erklär es mir, als wäre ich zwölf.“ Wenn es dann noch unklar ist, frag nach. Und noch einmal. Eine KI wird nicht ungeduldig. Du musst dich nicht schämen, zum dritten Mal zu fragen.

2. Lass dich interviewen. Dreh die Rollen um. Schreib: „Stell mir zehn Fragen zu meinem Arbeitsalltag, eine nach der anderen. Sag mir danach, bei welchen Aufgaben mich eine KI unterstützen könnte und bei welchen nicht.“ Das ist die schnellste Art herauszufinden, was für dich persönlich drin ist.

3. Schreib etwas mit ihr und prüf jeden Satz. Eine Mail, eine Bewerbung, ein Antrag. Lass die KI einen Entwurf machen. Dann lies ihn langsam und frag dich bei jedem Satz: Stimmt das? Würde ich das so sagen? Streich, was nicht passt. Diese Übung ist die wichtigste, weil sie dir zwei Dinge gleichzeitig zeigt: wie viel Arbeit dir die KI abnimmt und wo sie danebenliegt.

Die KI liefert den Entwurf. Du lieferst das Urteil.

Gerade Anfänger profitieren

Es gibt eine ermutigende Beobachtung aus der Forschung. In einer großen Studie mit Mitarbeitenden im Kundenservice hat ein KI-Assistent die Produktivität im Schnitt um 14 Prozent erhöht. Am meisten profitierten aber die Unerfahrenen und weniger Qualifizierten, bei ihnen lag der Zuwachs bei 34 Prozent.1 Die Erfahrenen gewannen kaum etwas dazu.

Das heißt nicht, dass es überall so ist. Aber es widerspricht der Angst, KI sei nur etwas für die, die sich ohnehin auskennen. Oft ist es umgekehrt: Wer am Anfang steht, kann am meisten aufholen.

Drei Regeln, damit du dir nicht schadest

Ein Abend pro Woche reicht

Du musst nicht jeden Tag üben. Ein fester Abend pro Woche, eine halbe Stunde, ein echtes Thema. Nach ein paar Wochen merkst du, dass du andere Fragen stellst. Genauere. Und du merkst, wann eine Antwort zu glatt klingt, um wahr zu sein.

Ich habe genau so angefangen: abends, mit einfachen Fragen. Heute arbeite ich mit einem eigenen KI-Agenten, der meine Website aktualisiert und meine Videos vorbereitet. Dazwischen lagen viele Abende, keine Ausbildung.

Probier das heute Abend

  1. Leg ein kostenloses Konto an bei einem KI-Assistenten deiner Wahl.
  2. Mach Übung 1 mit einem Thema, das dich wirklich beschäftigt.
  3. Schreib danach einen Satz auf: Was hat mich überrascht?
  4. Trag dir den nächsten Abend in den Kalender ein. Gleiche Uhrzeit, nächste Woche.

Du musst KI nicht verstehen, um sie zu nutzen. Du verstehst sie, indem du sie nutzt.

Frage für dich

Welche Frage trägst du seit Monaten mit dir herum, weil du dich nicht getraut hast, sie einem Menschen zu stellen?

Quellen

  1. Brynjolfsson, E., Li, D. & Raymond, L. (2023). Generative AI at Work. NBER Working Paper 31161. Veröffentlicht 2025 im Quarterly Journal of Economics, 140(2), dort mit rund 15 Prozent Produktivitätszuwachs.