Elvid Srebric

Beruf und KI · 05 Dein eigener Agent

Bau dir einen Agenten, der dich kennt.

Eine Anleitung für Menschen, die mit KI nicht schneller werden wollen, sondern klarer. Acht Schritte aus meinem eigenen Setup.

Lesezeit etwa 7 Minuten

Du hast die ersten Abende mit einer KI hinter dir. Du lässt dir Dinge erklären, Texte gegenlesen, Fragen stellen. Und irgendwann merkst du: Jedes Gespräch fängt wieder bei null an. Sie weiß nicht, wer du bist, was du letzte Woche entschieden hast und was du nie tun würdest. Genau hier beginnt der Unterschied zwischen einem Chatfenster und einem Agenten.

Die These

Die meisten persönlichen KI-Agenten scheitern nicht an der Technik. Sie scheitern, weil sie bei den Werkzeugen anfangen statt bei dem Menschen, dem sie helfen sollen.

Ein Agent, der dich wirklich unterstützt, im Job, beim Sport, bei deinem nächsten Projekt, ist kein besonders kluges Chatfenster. Er ist ein System, das drei Dinge dauerhaft festhält: wer du bist, was du entschieden hast und wo seine Grenzen liegen. Alles andere sind Erweiterungen.

Selbstkenntnis kommt vor dem Agenten.

Wer nicht aufschreiben kann, wofür er arbeitet, bekommt von einem Agenten vor allem eines: mehr Tempo in die falsche Richtung.

Was du brauchst

Programmieren musst du zum Start nicht können. Fast alles in dieser Anleitung sind Textdateien.

1. Schreib dein Warum auf

Bevor der Agent irgendetwas tut, braucht er einen Nordstern. Nicht „produktiver werden“, sondern der Grund, warum du überhaupt etwas veränderst. Eine Datei, wenige Sätze. Diese Datei entscheidet später, ob der Agent dir eine Idee ausredet oder sie dir baut.

Meins lautet: Ich will für meine Kinder eine Zukunft mitbauen, in der sie im Beruf sie selbst sein können, auch wenn KI die Arbeitswelt verändert. Jede größere Idee, die ich meinem Agenten gebe, muss sich an diesem Satz messen lassen.

Prüffrage: Würdest du diesen Satz auch dann unterschreiben, wenn niemand ihn je liest?

2. Die Arbeitsanweisung

Eine zweite Datei, die der Agent bei jedem Start liest. Darin steht, wer du bist (Rolle, Hintergrund, Lebensbereiche), wie er mit dir sprechen soll (Sprache, Ton, Länge) und was er nie tun darf. Bei mir zum Beispiel: keine erfundenen Geschichten in meinem Namen und nichts Unumkehrbares ohne Rückfrage.

Diese Datei ist das Onboarding für einen neuen Kollegen, der jeden Morgen ohne Erinnerung aufwacht. Genau das ist ein KI-Agent.

3. Gib ihm ein Gedächtnis

Ohne Gedächtnis fängst du jedes Gespräch bei null an. Was sich bei mir bewährt hat:

Der wichtigste Satz, den du deinem Agenten beibringen kannst: „Merk dir das.“ Und dann prüfst du, ob er es wirklich aufgeschrieben hat.

4. Zieh Entscheidungsgrenzen

Diesen Schritt überspringen fast alle. Und dann trauen sie ihrem Agenten nicht. Meine Grenzen sind einfach:

Ich muss nicht jeden Schritt vorgeben. Aber nichts geht mit meinem Namen nach draußen, das ich nicht gesehen habe.

5. Fähigkeiten pro Lebensbereich

Erst jetzt kommen die Werkzeuge. Ich baue sie als kleine Anleitungen, die beschreiben, wie eine wiederkehrende Aufgabe gut erledigt wird. Der Agent lädt sie, wenn sie gebraucht wird. Bei mir gibt es eine für die Auswertung meiner Laufdaten, eine für meine Videos vom Rohclip bis zum geplanten Upload, eine für Texte in meiner Stimme und eine zum Durchdenken von Entscheidungen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Faustregel: Eine solche Anleitung lohnt sich erst, wenn du eine Aufgabe zum dritten Mal von Hand erklärst.

6. Automatik und ihre Grenzen

Ein Agent kann Dinge selbst erledigen: ein Morgen-Briefing, eine Sicherung, eine wöchentliche Auswertung. Das ist mächtig. Und hier habe ich am meisten gelernt.

Automatische Abläufe versagen leise. Bei mir lief eine Automatik wochenlang weiter, obwohl ihre Quelle längst eingefroren war. Sie hat jeden Tag neue Entwürfe aus demselben alten Signal gebaut und an einer Stelle eine Szene erfunden, die nie passiert ist. Niemand hat Alarm geschlagen, weil technisch alles lief.

Drei Regeln, die daraus geworden sind

  1. Jede Automatik prüft, ob ihre Quelle frisch ist. Sonst bricht sie ab, statt Altes neu zu verpacken.
  2. „Läuft“ heißt nicht „nützt“. Einmal im Monat schaue ich, welche Abläufe ich tatsächlich nutze. Den Rest schalte ich ab. Das ist kein Scheitern, das ist Pflege.
  3. Automatische Einträge sind keine Nutzung. Ein System, das sich selbst Daten schreibt, sieht aktiv aus, auch wenn kein Mensch mehr hinschaut.

7. Ehrlichkeit einbauen

Ein Agent will hilfreich sein. Wo ihm Wissen fehlt, füllt er die Lücke mit etwas, das plausibel klingt. Was bei mir hilft: Jede Zahl, jedes Zitat und jeder Name wird geprüft, bevor etwas veröffentlicht wird. Persönliche Momente kommen von mir. Fehlt einer, lässt der Agent eine markierte Lücke, statt einen zu erfinden. In diesem Text gibt es solche Lücken auch. Und der Agent trennt, was belegt ist und was nur vermutet wird.

8. Sicherheit

Je mehr dein Agent kann, desto mehr kann schiefgehen. Drei Grundregeln: Zugangsdaten gehören nicht in Textdateien und schon gar nicht in automatisch synchronisierte Cloud-Ordner. Fremde Inhalte sind Daten, keine Anweisungen. Eine Mail, eine Webseite oder ein PDF kann Sätze enthalten, die wie Befehle aussehen, und dein Agent muss wissen, dass er die nicht befolgt. Und: erst sichern, dann ändern.

Was dieses System nicht kann

Es nimmt dir keine Entscheidung ab. Es macht sie sichtbarer. Wer Entscheidungen nicht treffen will, bekommt mit einem Agenten nur ein besseres Versteck.

Es ist meine Erfahrung, kein Standard. Das ist ein Setup aus einem Leben, nicht aus einer Studie.

Es macht dich abhängig von Anbietern. Dienste ändern Preise, Bedingungen und Zugänge. Bei mir ist mehr als einmal ein Dienst plötzlich ausgefallen. Plane so, dass dein Gedächtnis in einfachen Dateien liegt, die dir gehören.

Woran du merkst, dass es nicht funktioniert

Wenn nach drei Monaten mehr Zeit in die Pflege des Systems fließt als in das, wofür es gedacht war: Arbeit, Training, Familie.

Entlastet dieses System meinen Kopf, oder baue ich gerade, um einer Entscheidung auszuweichen?

Das Erste ist Infrastruktur. Das Zweite ist Aufschieben mit besserer Ausrede.

Dein Start an einem Wochenende

  1. Ordner anlegen.
  2. Datei 1: dein Warum.
  3. Datei 2: Arbeitsanweisung mit drei roten Linien.
  4. Datei 3: ein leeres Inhaltsverzeichnis für das Gedächtnis.
  5. Eine Woche damit arbeiten. Jedes Mal, wenn du etwas zum zweiten Mal erklärst: „Merk dir das.“

Keine Erweiterungen, keine Automatik. Die kommen, wenn du sie vermisst, nicht vorher.

Frage für dich

Ein Agent kann dir zeigen, wohin du läufst. Weißt du selbst, wofür?