Elvid Srebric

Entwicklung · 04 Lernen

Du musst nicht mehr lernen. Du musst anders lernen.

Warum Zertifikate dich nicht sicherer machen, was die Lernforschung seit Jahrzehnten weiß und wie du lernst, damit es bleibt.

Lesezeit etwa 4 Minuten

Python. Agile. Design Thinking. Jede Fähigkeit, die gerade gefragt war und Sicherheit im Job versprach, habe ich mitgenommen. Ich habe Zertifikate gesammelt wie Trophäen.

Meine Sammlung sah beeindruckend aus. Meine tatsächliche Wirkung damals? Gering. Ich war so beschäftigt damit, Wissen anzuhäufen, dass ich nie richtig gelernt habe, es anzuwenden.

Tiefer statt mehr

Gleichzeitig habe ich Kollegen beobachtet, die halb so viele „Skills“ hatten wie ich und mir trotzdem weit voraus waren. Sie lernten nicht mehr. Sie lernten tiefer.

Das Sammeln fühlt sich produktiv an. Jedes Zertifikat ist ein kleiner Beweis. Aber es ist ein Beweis für andere, nicht für dich. Und wenn Software Wissen schneller verfügbar macht als jeder Mensch, verliert das reine Anhäufen ohnehin an Wert.

Was bleibt, ist etwas anderes: die Fähigkeit, schnell zu lernen, wieder umzulernen und das Gelernte auf echte Probleme anzuwenden.

Je mehr ich versucht habe, mich mit Zertifikaten abzusichern, desto zerbrechlicher wurde ich.

Warum wir langsam lernen

Wer langsam lernt, ist selten faul. Meistens arbeitet die Methode gegen den Kopf. Wir haben gelernt, Inhalte zu konsumieren, statt sie zu behalten. Kurse abzuschließen, statt Verhalten zu ändern. Produktiv auszusehen, statt wirksam zu lernen.

Dabei weiß die Lernforschung seit Jahrzehnten, was funktioniert:

Und Schlaf gehört dazu. Im Schlaf verankert das Gehirn, was du tagsüber aufgenommen hast.4 Wer am Schlaf spart, um mehr zu lernen, spart am falschen Ende.

Schreiben bringt Gedanken zu Ende

Jahrelang habe ich Tagebuch geschrieben. Es hat nie richtig funktioniert. Dieselben Tage, dieselben Gedanken, dieselben Schleifen. Nach ein paar Monaten fühlte es sich immer an wie Selbstgespräche über mich selbst. Und genau das war es.

Im Tagebuch weißt du schon, was du meinst. Also musst du den Gedanken nie zu Ende bringen. Du schweifst ab, drehst dich im Kreis und lässt Dinge halb gesagt, weil du sie ja trotzdem verstehst.

Als ich angefangen habe, für andere zu schreiben, hat sich die Frage verändert: Würde jemand anderes das verstehen? Ergibt das außerhalb meines Kopfes Sinn? Dieser Druck, verstanden zu werden, erzwingt Klarheit. Dabei habe ich Zusammenhänge entdeckt, die ich vorher nicht gesehen hatte. Muster in meiner Vergangenheit. Entscheidungen, die damals keinen Sinn ergaben und heute schon.

Für dich zu schreiben ist Denken. Für andere zu schreiben heißt, den Gedanken zu Ende zu bringen.

Meine Ideen skizziere ich immer noch von Hand. Die Klarheit kommt aber erst, wenn ich sie für andere aufschreibe.

Wenn du festhängst: Fragen statt Ratschläge

Manchmal liegt das Problem nicht im Wissen, sondern im Kopf, der sich im Kreis dreht. Der innere Monolog wird zur Echokammer. Dann hilft kein weiterer Ratschlag, sondern eine gute Frage.

Ein einfaches Gerüst dafür kommt aus dem Coaching, das GROW-Modell.3 Es besteht aus vier Fragen:

Es gibt dabei keine einzig richtige Antwort. Es gibt nur Wege. Welchen du auch wählst, er kann sich als richtig herausstellen oder nicht. Beides ist in Ordnung.

Probier das

  1. Eine Fähigkeit, zehn echte Probleme. Notier jedes Mal, was geklappt hat, was nicht und was dich überrascht hat.
  2. Erklär es jemandem. Oder schreib es so auf, als würde es jemand anderes lesen.
  3. Teste dich, statt noch mal zu lesen. Und wiederhol es nach ein paar Tagen, nicht am selben Abend.
  4. Wenn du festhängst, geh die vier Fragen durch und schreib die Antworten auf.
Zum AusdruckenEine Fähigkeit, zehn ProblemeLernlog für zehn echte Anwendungen, Wiederholungsplan und die vier Fragen fürs Festhängen.
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Es geht nicht darum, mehr zu wissen. Es geht darum, schneller zu lernen, als sich die Welt um dich herum verändert.

Frage für dich

Welche Fähigkeit hat erst Klick gemacht, als du sie jemand anderem erklären musstest?

Quellen

  1. Roediger, H. L. & Karpicke, J. D. (2006). Test-Enhanced Learning. Psychological Science, 17(3).
  2. Cepeda, N. J. u. a. (2006). Distributed Practice in Verbal Recall Tasks. Psychological Bulletin, 132(3).
  3. Whitmore, J. (1992). Coaching for Performance. Nicholas Brealey.
  4. Stickgold, R. (2005). Sleep-dependent memory consolidation. Nature, 437, 1272–1278.